Bunt gemischte Prunksitzung des GV „Frohsinn Rot“

100 Helaurufe hatte sich Sitzungspräsident Michael Back für die diesjährige Prunksitzung des Gesangverein Frohsinn zum Ziel gesetzt und dank eines begeisterungsfähigen Publikums und der Hilfe zahlreicher Mitwirkender im Rahmenprogramm schließlich auch erreicht – denn das 100-jährige Jubiläum des Vereins sollte auch die Sitzung prägen, so steuerte etwa ein Zehnerrat das Narrenschiff durch die Laolawellen und Signalraketen des Abends.

Gleich zu Beginn heizte Johnny Cashs „Ring of fire“, dargeboten von den Bärämaddl aus Kronau dem Publikum ordentlich ein, gefolgt von einem stimmungsvollen Medley aus verschiedenen Faschingsklassikern wie „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ oder „In München steht ein Hofbräuhaus.“ Als Zugabe servierte die von Benjamin Philipp dirigierte Formation zunächst einen Mix aus der Popliteratur wie „Hotel California“ oder „Take on me“, bis schließlich „Hoch Badnerland“ in einer fetzigen Guggemusikversion die Herzen der Lokalpatrioten höher schlagen ließ.

Ganz adrett und immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht zeigte die Juniorengarde des Vereins, trainiert von Ramona Wittmer und Anna Kasamach ihr Können: Zu Schlagern wie „Traum von Amsterdam“ oder „Schwarze Natascha“ wirbelten die Mädchen im Alter von 9-13 Jahren. In schnell wechselnden Formationen gekonnt über die Bühne.

Es folgte die erste Büttenrede, in der Michael Schneider als Verteidiger des männlichen Geschlechts lauthals zur Gleichberechtigung des Mannes aufrief, schließlich „sind wir Männer zweifelsohne der Schöpfung meisterhafte Krone.“ In der Realität mutiere der Mann aber immer mehr zum „Haushaltsclown“ oder „Bettstatist“. „Sie mache uns täglich das Lewe zur Qual, das sieht man auch heute hier im Saal.“Die humorvolle Selbtbeweihräucherung provozierte neben Applaus mitunter vor allem beim weiblichen Publikum – wie zu erwarten – auch Pfiffe und Unmutsbekundungen.

Die von Mona Vetter und Svenja Thome trainierte Seniorengarde wagte sich für ihren klassischen Gardetanz musikalisch auf neues Terrain: Zu Elektro-Rhythmen stellten die Tänzerinnen im Alter von 13-29 Jahren erfolgreich unter Beweis, was erfolgreiche und kontinuierliche Jugendarbeit leisten und welche Erfolge sie hervorbringen kann, genauso aber, wie vielseitig ihr Tanzsport sein kann.

Den Weg nach „Amarillo“ suchte der von Gerhard Schramm dirigierte Frauenchor des Frohsinn in seinem Gesangsvortrag, um nach einer Portion griechischem Wein schließlich feststellen zu müssen, dass man bisher noch niemals in New York, geschweige denn auf Hawaii gewesen ist um abschließend trotzdem mit Marius Müller-Westernhagen feststellen zu können: „Es geht mir gut!“ Allen Grund, sich mit Abbas „Thank you for he music“ für die Musik als solche zu bedanken. Als Zugabe folgte schließlich die Übersetzung des Gospels „Oh happy day“ in den Dialekt mit „Ischs heit so schee“, bei dem Johanna Göft als Solistin brillierte.

Die Jüngsten auf der Bühne, die Tänzerinnen der von Mia und Svenja Thome geleitete Miniorengarde, machten deutlich, dass der Nachwuchs der Gardegruppen bestens vorbereitet ist. Umjubelt vom begeisterten Publikum tanzten die Mädchen im Alter von 5-8 Jahren zu beschwingter, liebevoll zusammengestellter Musik.

Eine Nachhilfestunde in Sachen Roter Dialekt boten Lisbeth (Jutta Müller) und Hermine (Gabi Körner) bei ihrem Tratschtermin. Unglücksfälle – „Kellerstaffel nunnagfalle un blitzebloo gwest“ – wurden genauso thematisiert wie Potenzmittel – „Äggädda un’s Viägraa“ – oder neuartige Methoden zur Fiebermessung mittels „Eidunschthaffe.“ Fazit der beiden Reinigungsdamen: „Frieha war alles ennaschd.“ Vor allem in Vergessenheit geratene Kleinode des Roterischen wie „Mäiasch“, „kefferich“ und „innewennich“ sorgten für großes Gelächter im Publikum.

Nach der Pause markierte erneut ein Blasmusikbeitrag den Auftakt: Das Fanfarencorps Rauenberg unter der Leitung von Hans-Peter Menges bot ein Medley aus Titeln von Udo Jürgens, spielte dann Evergreens wie „Country Roads“ um abschließend mit „Cordula Grün“ noch einen Treffer bei den Jüngeren im Publikum landete.

Walli (Valeria Geider) und Danni (Daniela Götzmann) traten den Beweis an, dass ein gut konzipierter Sketch auch mit nur einem einzigen Thema funktionieren kann, wenn man es nur lange genug auf die Spitze treibt: „Ä Familiegebiss, des kann jeder in de Familie trage – dem mit de gröschde Klapp, dem werd’s ogepasst.“ Was und vor allem wer dieses ominöse „Familiengebiss“ wie genau dann nutzt, hätte sich das Publikum angesichts der Absurdität und Liebe zum Detail der Gedankengänge der beiden Damen kaum ausmalen können – entsprechend heiter waren die Reaktionen im Saal.

Als Horde von vielen „Jack Sparrows“ hatte die Juniorengarde anschließend ihr „Comeback“ mit einem Showtanz zur eingängigen Filmmusik von Hans Zimmer: Passend zur Musik entwickelte die Gruppe ihren Tanz von eher düsteren Klängen am Anfang zu einer sehr lebhaften, mitreißenden Darbietung mit viel „Power.“

Die Jungsänger (Benjamin Heinzman, Benjamin Speckert, Marius Sandritter, Pascal Tome, Alexander Linder und Rouven Dittmann) traten an ihrem Stammtisch erneut in einen Austausch über Frauen, Dating-Apps, Kindererziehung und Kommunalpolitik, mit zahlreichen schonungslosen Spitzen gegen die eigenen Stammtischbrüder, garniert von gekonnt vorgetragenen Gesangsbeiträgen, die sich unter diesen Schlagabtausch mischten, wie etwa die Schlachtfesthymne „Morgenrot“ oder der Ohrwurm „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren.“

Einen weiteren Showtanz gab es nun von der Seniorengarde: Zahlreiche 90er-Hits und die passenden Kostüme ließen den Puls und das Tempo der 90er wieder aufleben und entführten das Publikum gemeinsam mit den Backstreet Boys oder Captain Jack eine kleine Zeitreise in dieses Jahrzehnt, wohin es dank begeisterter Zugaberufe gleich ein zweites Mal begleitet wurde.

Vor der Predigt des Mönchs vom Orden des leeren Krugs, alias Marius Sandritter, bleibt üblicherweise niemand verschont, schwerpunktmäßig nahm er allerdings in diesem Jahr die Lokalpolitik ins Visier seines „gregorianischen Singsangs“: Die im Lußhardt geplanten Windkraftanlagen verbannte er kurzerhand auf das Gelände des AKWs in Philippsburg und für die Sperrung der Brücke nach St. Leon sinnierte er über die „Rosinenbomberstaffel St. Leon“, die die Bevölkerung der Schwestergemeinde mit Care-Paketen versorgen könnte, das wäre es schließlich wert: „Wir wurden an Weihnachten früh beschwer, sobald der Tunnel ward gesperrt“, frotzelte er in Reimen.

Das „Männerballet“ glänzte schließlich mit einer „Ballermann-Revue“: Fliegende Hosen markierten den Weg „Ab in den Süden“ und die menschliche Welle walzte schließlich den Weg für die „Surferboys“ frei, sehr zur Freude des Publikums, das die von Tina Heinzmann trainierte Truppe auch nur nach einer Zugabe Richtung Mallorca ziehen ließ.

In seinen Anmoderationen gab Sitzungspräsident Michael Back den Abend über kurzweilige Einblicke in die Vereinshistorie: So veranstalte der 100-jährige Verein die Prunksitzung nun schon über 40 Jahre, seit 1992 im großen Harressaal und seit 1997 mit den von Heike Weber aufgebauten Gardegruppen. Auch der 1996 gegründete Frauenchor beteiligt sich schon seit vielen Jahren am Gelingen der Veranstaltung. Jenseits dieser informativen Beiträge hielt er das Publikum mit zahlreichen Witzen und flotten Sprüchen bei Laune und sorgte gemeinsam mit Bürgermeister Dr. Eger und Dirigent Gerhard Schramm dafür, dass die Helau-Skala schließlich auch den anvisierten Wert anzeigte.

Özer Dogan verstand es wie immer ausgezeichnet, die Übergänge zwischen den einzelnen Beiträgen musikalisch auszumalen und in seinen Schunkelrunden die musikalische Faschingsliteratur auszurollen. Im Anschluss an das große Finale mit obligatorischer Polonaise spielte er schließlich noch begleitet zum Tanz auf, während die ersten den Abend bereits in der Frohsinn-Bar ausklingen ließen.


Tobias Rehorst,
Mit freundlicher Genehmigung der Rhein-Neckar-Zeitung

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