Prunksitzung 2026

Zum Glück hat ihn die KI, über die er trefflich sinnierte, noch nicht wegrationalisiert – wer sollte sonst das Narrenschiff so souverän durch den Abend navigieren wie Sitzungskapitän Michael Back? Der Frachtraum der Frohsinn-Fregatte war mit wertvoller Ladung befüllt: Gardetänze, Gesangseinlagen, Büttenreden und allerlei Klamauk. Durchweg gute Stimmung, die etwa auch Pater Shinto oder Bürgermeisterstellvertreter Siegfried Köck die ein oder andere Spontaneinlage entlockte, prägte den Abend.

Den Auftakt für das Programm gaben die farbenfrohen „Stobblhobblä“ aus Forst, dirigiert von Marco Fischer an der Trillerpfeife. Mit Songs wie „Crazy in love“ oder „Sleeping in my car“ brachten vor allem dröhnende Trompeten und Posaunen die Trommelfelle des Publikums zum schwingen.

Ohne Garde keine Prunksitzung beim Frohsinn – den ersten Beitrag lieferte die Juniorengarde im Alter von 9-15 Jahren, trainiert von Emilia Lang, Jule und Lara Michenfelder. Zu einem Medley aus Disco-Klassikern wie „Call on me“ flogen Federn und Füße über die Bühne. Beeindruckend zu sehen war, wie die Mädchen trotz der Alters- und Größenspanne synchron harmonisierten – nur durch gegenseitige Unterstützung funktioniert die „Gardefamilie.“

Die Seniorengarde – trainiert von Lisann Acker und Marie Braungardt – sorgte mit einem klassischen Gardetanz zu einem „Kölner-Karnevalshits-Medley“ dafür, dass Sitzungskapitän Back nicht umhin kam, die erste Signalrakete zu zünden, nachdem eine hohe „La-Ola-Welle“ in den Saal gebrandet war.

Zwischen den beiden Gardebeiträgen freute sich der von Christoph Rehorst dirigierte Frauenchor des GV Frohsinn: „S’isch endlich wieder Faschingszeit in Rot und St. Leee“ mit einem Cover von „Champs Elysees.“ Es folgte ein Lobgesang auf diverse Alkoholsorten zur Melodie von Guantanamera – von „Pina Colada“ bis zum „Prunksitzungskater“, serviert mit einer betörenden Soloeinlage von Johanna Göft – sowie abschließend ein leidenschaftlich vorgetragenes „Brenna tuat’s gut“.

Über Flatulenz in allen Facetten fabulierte eine Art „Ode auf den Pups“ des Männerchores, lautmalerisch großartig in die Blasmusik übersetzt von der Nachwuchsmusikern Moritz Dittmann sowie David und Toni Linder – „es gibt die kurzen, es gibt die langen.“

Beim anschließenden Jungsänger-Stammtisch schenkt sich traditionell niemand etwas und keiner bleibt verschont, nicht einmal die eigene Verwandtschaft: Mit derben Sprüchen, aber auch süffisanten Witzen nahmen Pascal Thome, Benjamin Speckert, Benjamin Heinzmann, Aaron Farinas, Stefan und Alexander Linder nicht nur sich gegenseitig aufs Korn, sondern genauso auch das Vereinsleben und das Ortsgeschehen. „Dees hedd’s frieha ned gewwe!“ war sich die Runde in Vielem einig. Für‘s Publikum gab’s Ehetipps und Lebensweisheiten gratis on top. 

Zu einem altersgerecht zusammengestellten Medley aus Kinderfilmmusik wie der Titelmusik von „Bibi und Tina“ oder „Lass jetzt los“ eroberte die jüngste Gardegruppe, die Minigarde die Bühne und mit ihrem pfiffigen Auftritt sofort auch die Sympathie des Publikums. Den Trainerinnen Lisann Acker und Nele Beck war es gelungen, dass auch die lebhaften Nachwuchstänzerinnen ihre Tanzsequenzen hochprofessionell präsentierten und dabei auch noch Spaß hatten, wie unschwer an der Mimik zu erkennen war.

Marietta Heinzmann pries in ihrer Büttenrede der Besatzung des Narrenschiffs wortgewandt und in schönstem Dialekt die Vorzüge eines dauerhaften Lebens an Bord an: Kreuzfahrt Nonstop statt Altersheim war die Devise, stellenweise garniert mit beißender Kritik am Gesundheitssystem. Um so vieles bräuchte man sich auf der Kreuzfahrt nicht zu kümmern und teurer als ein Pflegeheim sei sie letztlich auch nicht: „Zoohbäschda und Händichaaa“ etwa brauche man etwa schon gar nicht besorgen, so der Ratschlag der patenten Dame.

Räderschlagend flirrte sodann die Maxigarde über’s Harresparkett zu einem Potpourri aus Ballermannhits wie „All Inn.“ Mit präzisen Schritten und voller Energie glänzte die von Emilia Röderer, Jule und Lara Michenfelder trainierte Truppe nicht nur optisch.

Nach der Pause war es das Fanfarencorps Rauenberg unter der Leitung von Hans-Peter Menges, das zunächst mit Sambarhythmen wieder Leben in den Saal brachte. Es folgten aktuelle Faschingshits wie „Cordula Grün.“

Skurril und herrlich grotesk zeigte sich die „Leddiche-Wallfahrt en de Harres“ des Frauenchores, deren Ziel eine Statue des „heiligen Schigonius“ war. „Zum heiliche Schigonius sinn schun viel Leid gange und hewwe dann en Mann gfange“ so die Tageslosung der Single-Damen, die leider erkennen hatten müssen: „Koona hot uns gwolld!“ Doch trotz langwieriger Litaneien, allerhand Zugeständnissen an den Zukünftigen – „broddle, koppere und fatze derfa!“ – brachte auch der heilige Schigonius das erhoffte Wunder nicht zustande.

Auf eine gesangliche Rundreise durch Europa entführte der Männerchor, humorvoll umrahmt von einer Märchengeschichte: Zur Herausforderung wird für König Benjamin (Speckert) die Vermählung seiner Tochter Prinzessin „Alexandra“ Linder, übrigens die schönste und klügste im ganzen Kraichgau, weil diese nicht jeden nehmen will: „Awwa Vadda, ich will än echde Italiener!“ Die Sänger begleiteten die interaktiv mit dem Publikum inszenierte Märchenerzählung mit einem „Schlagerstrudel“ aus vielen bekannten Melodien wie „What shall we do with the drunken sailor“ oder „Ti Amo“.

„World of Avatar“ war das Motto des Showtanzes der Juniorengarde und fand sich sowohl musikalisch als auch optisch hervorragend umgesetzt. Wie ein großer Organismus verschmolzen die „Na’vi-Tänzerinnen“ zu einer Einheit, die durch überaus schnelle Interaktion die passende Illusion zur Filmmusik lieferte und das Publikum gedanklich direkt nach Pandora versetzte.

„Leider hat der Elferrat mich nicht zur Papstwahl vorgeschlagen, deshalb müsst ihr mich jetzt wieder ertragen“ frotzelte der Bruder vom leeren Krug (Marius Sandritter), der als fester Bestandteil der Sitzung zu seiner alljährlichen Predigt ansetzte. Vor seinem Rundumschlag war niemand sicher, ob Merz oder Trump, von der Weltpolitik bis zu den Niederungen der Kommunalpolitik – er kanzelte sie alle ab, hatte aber auch so manche Vision parat: So könne man die Gemeinde zur Photovoltaikhauptstadt umbauen und dann „Sun Leon-Rot“ nennen oder gar die Vierschanzentournee gastieren lassen, habe man auf der Hauptstraße nun doch eine geeignete Rampe.

Mit ihrem Showtanz „Superbowl – Seniors United“ gaben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Seniorengarde noch mal alles: Vom „Aufwärmen“, passend im Jogginganzug mit „Hip-Hop-Moves“ zum Eminem-Soundtrack („Lose Yourself“) ging es anschließend mit Beyonce und Rihanna zum „Cheerleader“-Part in „American Style“ über – klar, dass das begeisterte Publikum die Pompons bei einer Zugabe erneut über die Bühne zaubern sehen wollte.

Was passiert, wenn Christine Zehnbauer auf Jimmy Fellon treffen würde, malten sich Johanna Göft und Christoph Rehorst in einer urkomischen, kommentierten Version von „Alles nur geklaut“ aus. „Don’t stop believing“ ließ die Stimmung im Saal danach noch höher steigen und beim „Gummibärenlied“ war Mitsingen dann quasi Pflicht.

Eine Hommage, zugleich aber auch eine Parodie auf „Army-Songs“ wie „Danger Zone“ oder „You’re in the army now“ brachte die „Top Gun Crew“ des vereinseigenen Männerballetts ins Programm ein, trainiert von Melanie Geider und Tobias Fleckenstein. Nach einem eher martialischen Start wandelte sich die Performance und  brachte den Sexappeal der „Candymen“ zum Vorschein, mit Herzformationen, Hebefiguren und einer Pyramide als Höhepunkt.

Zum großen Finale lockten die Piloten von der „Männerbalettflugstaffel“ schließlich mit dem Fliegerlied die große Zahl aller Mitwirkenden auf die Bühne, bis sich ihr Strom in Form einer Polonaise in alle Ecken des Saales ergoss und zu guter Letzt in der Bar mündete.

Viele Kleinigkeiten, wie etwa die individuell gestalteten Ausmärsche der Garden oder die situativ angepasste Begleitung von Özer Dogan am Piano und Thomas Metzger am Schlagzeug bewiesen Liebe zum Detail und formten die „Sitzung“ zu einem gelungenen Gesamtkunstwerk, die im Zuspruch zunehmend große Resonanz findet: Binnen weniger Minuten war die Sitzung ausverkauft und erstmals wurde gar die Empore geöffnet.

(Text: Tobias Rehorst)